Auf dem Weg zur Stillen Geburt

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Die gesamte Geschichte – ehrlich, schonungslos, nah

Einen kurzen Überblick über unsere Kinderwunschreise findest du hier.

Nach mehreren Fehlgeburten war es im Januar endlich so weit: eine neue Chance, ein neuer Versuch, getragen von einer Therapie, die unser Masterplan sein sollte. Und tatsächlich – bis zur 13. Schwangerschaftswoche sah alles gut aus. Wir wagten zum ersten Mal seit Langem, zu hoffen. Es war, als würde das Leben sich entschuldigen wollen, als dürften wir aufatmen.

Dann kam der 4. April. Der Tag des Erstrimester-Screenings. Ein Datum, dem wir mit einem mulmigen Gefühl, aber auch mit vorsichtiger Freude entgegenblickten. Wir waren über die magische Grenze der zwölften Woche hinaus. Endlich. Wie wahrscheinlich war es da noch, dass etwas schiefging? Dachten wir. Eine Stunde warteten wir. Dann der Schall – und unser Baby lebte. Es sah mehr denn je aus wie ein kleiner Mensch. Ich erinnere mich genau an die Worte des Arztes: „Es geht ihm gut. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Zum ersten Mal liefen sie aus Erleichterung.

Doch die Freude hielt nicht lange. Irgendwann wurde es still. Die Untersuchung dauerte länger, immer wieder wurde vermessen, konzentrierte Blicke, zögerndes Tippen. Und dann: „Die Nackenfalte ist verdickt.“ Vier unscheinbare Worte, die wie ein Hammerschlag wirkten. Mein Körper wurde schlagartig kalt. Wieder eine Auffälligkeit. Wieder dieses Gefühl, dass das Leben uns doch nicht in Ruhe lassen will. Der Arzt blieb bemüht ruhig. Sagte, wir sollten die Blutwerte abwarten, das könne auch harmlos sein. Aber ich spürte schon, wie sich die Hoffnung in mir zurückzog, wie meine Gedanken sich an der einen Frage festklammerten: Warum kann nicht einfach mal alles normal sein?

Dann fiel dieser Satz, der mich bis heute verfolgt: „Auch bei der Dame vor Ihnen stimmt etwas nicht. Heute ist kein guter Tag für positive Ergebnisse.“
Auch.
Dieses eine Wort vergrub sich wie ein Splitter in meinem Herzen.

Ich sollte nicht googeln, sagte der Arzt. Wenn ich das tue, würde ich nie wieder schlafen. Doch was sollte ich sonst tun?
Wir hatten Freitag. Ein langes Wochenende lag vor uns – eines, das sich wie eine Wartehalle anfühlte, gefüllt mit Angst, Hoffnung, Traurigkeit und dem leisen Groll, dass uns das Schicksal schon wieder auf die Probe stellte. Ich recherchierte. Natürlich. Und je mehr ich las, desto deutlicher wurde: eine so stark vergrößerte Nackentransparenz ist selten ohne Bedeutung.

Montagmorgen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Die Wartezeit auf die Bluttestergebnisse würde mindestens eine Woche betragen. Und selbst dann wären nicht alle Fragen geklärt. Warum hatte unser Arzt uns nicht direkt zu einer weiterführenden, invasiven Diagnostik geraten? Ich verstand es nicht. Und irgendwann entschied ich, nicht länger zu warten. Ich rief ganz Frankfurt durch, bis ich endlich jemanden fand, der spontan einen Termin am nächsten Tag anbieten konnte.

Dienstag. Pränataldiagnostik im Bürgerhospital. Der Arzt war freundlich. Er schallte, doch das Baby lag ungünstig. Es hüpfte, zappelte, wollte sich nicht richtig zeigen. Für einen kurzen Moment mussten wir alle lachen. Da war sie wieder – diese Leichtigkeit, wie ein kurzer Sonnenstrahl durch Wolken. Ich stand auf, bewegte mich, wir versuchten es erneut. Dann war es soweit: die Bestätigung. Die Nackenfalte war deutlich verdickt. Und der Arzt fragte sich genau wie ich, warum wir noch keine invasive Untersuchung empfohlen bekommen hatten. Nach einem ruhigen, ehrlichen Gespräch entschieden wir uns für die Chorionzottenbiopsie. Ich hatte keine Angst vor der Nadel. Nur vor dem, was sie ans Licht bringen könnte.

Gesagt, getan. Die Biopsie erfolgte eine halbe Stunde später. Es fühlte sich seltsam an, als würde jemand in meinem Bauch wühlen. Doch ich nahm es tapfer hin, wollte einfach nur Gewissheit.
Die nächsten Tage habe ich mich krankschreiben lassen. Es ging einfach nicht, die Gedanken hatten mich fest im Griff. Ich glaube Ungewissheit zu ertragen ist für mich eines der schlimmsten Dinge. Ich verbrachte die Tage mit meinen Liebsten. Hatte mich extra verabredet, um nie allein zu sein. Die Angst vor dem Anruf war einfach zu groß.

Ich ging raus. Frühstücken mit meiner schwangeren Freundin, denn ich wollte mich selbst ins kalte Wasser schmeißen. Ich wollte mich diesmal nicht am Boden zerstört in Trauer und Wut auf der Couch verstecken, sondern positiv bleiben. Ich hab es versucht. Mein Bestes gegeben.

Zwei Tage später, Donnerstagmittag, klingelte das Telefon. Und doch war ich letztlich allein.

Ich wusste es schon, bevor ich abhob. „Ihr Baby hat Trisomie 21“, sagte die Stimme. Ich war nicht überrascht. Ich hatte es am Morgen irgendwie gespürt. Als hätte mein Kind es mir gesagt, als hätte es mich vorbereitet. Es war seltsam – neben dem Schmerz war da auch Erleichterung. Endlich Gewissheit. Endlich keine quälenden Wenns und Abers mehr. Nur ein Fakt. Und die Entscheidung, die wir damit trafen: Wir würden die Schwangerschaft nicht fortsetzen.

Ich wusste sofort, dass ich das nicht konnte. Weil ich mir das Leben vorstellte, das auf mein Kind gewartet hätte. Die vielen Operationen. Die möglichen Begleiterkrankungen. Das Gefühl, immer wieder ausgeschlossen zu sein. Die Unsicherheit, ob es überhaupt lebensfähig wäre. Ich fragte mich in dieser Nacht, ob der Tod unseres Kindes wirklich das Schlimmere war. Und ich glaube: nein. Ich glaube, diese Entscheidung war das, was wir tun konnten, um zu schützen. Auch wenn uns dafür vielleicht jemand verurteilen wird. Auch wenn es mir das Herz brach.

Mein Partner war in der Arbeit, ich hatte ihn angerufen. Das war die schlimmste Nachricht, die ich je überbringen musste. Er packte seine Sachen und kam. Seine Cousine, die ebenfalls jede Sekunde mitfieberte, rief ich danach an. Auch sie kam direkt. Und dafür bin ich wirklich dankbar. Ich verlor ganz kurz die Kontrolle, habe Kissen geworfen und Dinge getreten. Aber dann hab ich mich beruhigt. Und wir haben geredet. Sind essen gegangen. Haben uns ein Eis gekauft. Das haben wir immer so gemacht, wenn schlechte Nachrichten kamen.

Am nächsten Morgen kamen wir zur Besprechung ins Krankenhaus.
Wir baten um einen schnellen Abbruch. Doch wir mussten warten. Noch sieben bis zehn Tage, bis das Langzeitergebnis vorlag.
Nach dieser Information verlor ich die Fassung. Ich konnte mir nicht vorstellen, zu warten. Ich fragte, ob es denn keine andere Möglichkeit gäbe, das zu beschleunigen.

„Alternativlos“. Gesetzliche Pflichten. Strafverfolgung. Ich dachte, ich höre nicht recht.

Ich fiel in mich zusammen. Ich konnte nicht mehr. Der Gedanke, noch Tage mit diesem Wissen weiterzuleben, während mein Bauch wuchs, während ich jeden Tag schwangerer aussah – es war kaum auszuhalten.
Auf dem Weg nach draußen habe ich geschrien, mich so sehr aufgeregt, dass es meinem Freund fast unangenehm war. Aber das war mir egal, die Wut musste raus.

Weil wir mitten in der Stadt leben, ist es oft schwer einen Parkplatz zu finden. Und so war es auch an jenem Tag. Ich suchte also mein letztes bisschen Würde und Anstand, hab mich im Auto ausgeweint, um dann etwas frühstücken zu gehen.
Auf dem Weg dahin trauten wir unseren Augen nicht. Eine Gruppe von Menschen mit Trisomie 21 kreuzten die Straße. Ausgerechnet jetzt. Genau jetzt, nachdem wir beschlossen haben, das Leben unseres Kindes wegen genau dieser Krankheit zu beenden. Mein Freund ist eigentlich unerschütterlich, doch das traf sogar ihn. Und als wäre es noch nicht genug: Im Restaurant wartete ein Mama-Treff auf uns. Mitten drin, ein Tisch voller Mütter und schreienden Babys. Es war hart.

Und so wurden aus 7 Tagen fast 3 Wochen…
Und dann, ausgerechnet dann, spürte ich zum ersten Mal die Tritte.
Dieses schöne, einzigartige Gefühl. Das erste Mal und zugleich das letzte: Abschied, getarnt als Wunder.

Dann kam der Anruf: Wir dürfen kommen. Das Ergebnis ist bestätigt. Die Klinik ist bereit. Wir packten unsere Sachen.
Auf dem Weg sah ich an einer Ampel eine hochschwangere Frau stehen – und mein Herz brach endgültig. Das war einfach nicht fair.

Im Krankenhaus war alles surreal. Doch niemand verurteilte uns. Im Gegenteil. Ich wurde liebevoll empfangen. Um 14:30 Uhr nahm ich sie – die Tablette, die alles beenden sollte. Und glaubt mir: Es war das Schwerste, was ich je getan habe. Ich weinte. Ich zitterte. Und ich wusste trotzdem: Ich kann das nicht anders. Ich will nicht, dass mein Kind leidet. Ich will nicht, dass es irgendwann stirbt, noch bevor es richtig gelebt hat.

Eine Seelsorgerin kam. Sie war wie ein Licht. Sie sprach mit uns, erklärte, hörte zu. Sagte, es sei okay, wie ich mich fühle. Sagte, sie kümmert sich um unser Baby. Dass ich es sehen dürfe, wenn ich bereit sei. Mein Partner war bei mir. Hielt meine Hand. Ließ mich nicht allein.

Die Tablette machte mir körperlich nicht viel aus. Nur ein flaues Gefühl im Magen, aber das kenne ich, wenn ich nervös bin. Mein Partner fuhr am Abend nach Hause, ich blieb über Nacht. Ich hatte ein Einzelzimmer, aber keinen Schlaf. Drei Stunden vielleicht. Am nächsten Morgen war ich um fünf wach. Mit dem Wissen: Mein Baby lebt jetzt nicht mehr.

Um acht bekam ich die erste Einleitungstablette. Die Schmerzen waren zunächst leicht. Ich frühstückte ein bisschen. Dann kam die zweite Tablette. Und mit ihr die Schmerzen. Krämpfe, Übelkeit, Wehen. Mein Körper begann loszulassen. Aber mein Herz tat es nicht.

Und unter uns: Ich hatte Angst, mein Kind gleich so zu sehen. Ich hatte Angst davor, wie es aussehen würde, ob ich diesen Anblick ertragen könnte, ob er in meinem Kopf bleiben würde – für immer. Ich hatte Angst, dass mein Körper mir nicht gehorcht. Dass ich in diesem Moment die Kontrolle verliere, dass mir etwas passiert, was nicht passieren darf.

Ich hatte Angst, plötzlich auf die Toilette zu müssen – Stuhlgang, inmitten dieser heiligen, stillen, fremdbestimmten Geburt – und dass es alle mitbekommen. Diese Angst war so real, so nah. Sie schwebte über mir wie ein dunkler Schatten aus Scham.

Doch dann wurde sie mir genommen. Still, einfühlsam, verständnisvoll. Man stellte mir einen Toilettenstuhl bereit. Für alle Fälle. Damit ich wusste: Du musst dich nicht mehr zusammenreißen. Du darfst einfach nur sein.
Und auch wenn mir dieser Stuhl zuerst so viel Würde raubte, schenkte er mir gleichzeitig auch ein kleines Stück Sicherheit zurück.

Denn auch das gehört dazu.
Die Scham.
Dass plötzlich nichts mehr hinter verschlossenen Türen geschieht.
Dass der Körper nicht mehr elegant, nicht mehr geplant, nicht mehr zurückhaltend ist – sondern einfach nur Körper.
Geburt kennt keine Etikette.
Und Trauer kennt keine Regeln.

16 Uhr: die letzte Tablette.
Die Wehen wurden heftig. Ich bekam Durchfall, zitterte, mir war übel. Ich fiel zwischen den Wellen in kurze Träume. Wachte wieder auf. In meinem ganz persönlichen Albtraum. Mein Partner wich nicht von meiner Seite. Er hielt meine Hand, kühlte mir die Stirn.
Ich wollte es spüren. Doch irgendwann war klar: Es war zu viel. Zu groß. Zu schmerzhaft. Mein Partner sagte: „Quäl dich nicht. Nicht bei dieser Geburt.“
Ich bat schließlich um Schmerzmittel – doch nichts half.

Um 17 Uhr platzte die Fruchtblase. Ein seltsames, klares Gefühl, das sich tief in mir eingebrannt hat. Die Schwester meinte zunächst, es sei vielleicht kein Fruchtwasser – aber ich wusste es einfach. Ich kannte meinen Körper in diesem Moment besser als je zuvor.

Zwei Stunden später: Jetzt ist es soweit. Ich spürte es. Dieses Gefühl, das ich von einer früheren kleinen Geburt bereits kannte. Ich sagte: „Wenn ich jetzt presse, dann kommt es.“ Aber ich traute mich nicht. Mein Partner half mir deshalb auf den Toillettenstuhl, damit ich das Baby nicht im Bett vor meinen Augen zur Welt bringen muss. Das habe ich mir nicht zugetraut.

Zwei Minuten auf dem Stuhl und da war es: unser Baby. Still geboren. Um 19:30 Uhr. Nach zwölf Stunden Wehen. Es hing noch an der Nabelschnur, lag in einer Blutlache unter mir im Toilettenstuhl. Die Hebamme war sofort da, fragte, ob ich es sehen will. Ich konnte nicht. Noch nicht. Ich sagte: vielleicht morgen.

Die Plazenta kam nicht. Ich spürte, dass noch etwas in mir war, was mein Körper nicht allein loslassen konnte. Also bekam ich erneut Wehen. Dieses Mal waren sie anders – sinnlos, leer, mechanisch. Mein Baby war bereits geboren, mein Herz längst gebrochen. Ich wusste nicht, wie ich diesen nächsten Abschnitt noch schaffen sollte. Eine Hebamme kam, untersuchte mich, sprach leise, fast entschuldigend. Es bliebe keine Wahl. Ich müsste in den OP.

Und irgendwie freute ich mich fast schon in dem Moment, denn ich konnte endlich schlafen. Ich war so erschöpft wie nie zuvor in meinem Leben.

Im OP war es kalt, steril, fremd – und doch irgendwie voller Mitgefühl. Das Team sprach sanft mit mir, versuchte, mich abzulenken. Sie sagten nette Dinge, machten leise Witze, versuchten Leichtigkeit in das zu bringen, was sich wie das Gegenteil von Leben anfühlte. Ich lachte sogar, und dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich aufwachte, war ich erleichert. Die OP war gut verlaufen, sagte man mir. Aber ich hatte viel Blut verloren. In meiner Gebärmutter lag nun eine Tamponade – tief hineingeschoben, fest verankert. Zusätzlich ein Blasenkatheter. Ich fühlte mich fremd im eigenen Körper, als hätte jemand mich mit Gewalt auseinandergenommen und lieblos wieder zusammengesetzt.
„Baby raus. Tamponade rein“, dachte ich.
Es fühlte sich an wie ein brutaler Tausch.
Etwas Lebendiges gegangen. Etwas Steriles geblieben.

Mein Partner wartete schon. Er war da, hatte gewartet, keine Sekunde gezögert. Auch jetzt nicht, wo alles irgendwie „körperlich“ wurde, roh, vielleicht sogar unangenehm. Es war ihm egal. Er war da – und damit rettete er mich, ohne es zu merken.

Wir sprachen ein wenig, und dann schickte ich meinen Partner nach Hause. Ich war müde, benommen, zerschlagen. Irgendwann schlief ich ein. Nicht tief. Nicht lange. Gegen drei Uhr wachte ich auf – die Schmerzen hatten mich geweckt. Ich wagte es nicht, mich zu rühren. Stattdessen zählte ich die Stunden, bis endlich jemand kam.
Währenddessen hatte ich etwas Trost gefunden. Die Cousine meines Freundes hatte ebenfalls eine schlaflose Nacht und so hat sie mich mit Fotos ihrer Katze versucht aufzumuntern. Irgendwann ging doch auch sie schlafen. Und so war ich allein. Gefangen in meinen Gedanken. Bis er mir schrieb, als der Rest der Welt noch schlief: ein Freund wie mein Bruder. Es tat gut zu wissen, nicht allein durch die Situation gehen zu müssen. Und ich wusste, egal was kommt – meine Freunde sind für mich da. Das gab mir Kraft.
8 Uhr. Und ich fragte, wann dieses Zeug endlich aus mir raus kann. Es war extrem unangenehm.
Man sagte mir, es müsse noch etwas gewartet werden, bis alles entfernt werden könne. Ich weinte nicht. Ich hatte keine Tränen mehr übrig.

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, war es dann endlich so weit. Die Ärztin kam, um alles zu entfernen. Zuerst der Katheter. Unangenehm, aber erträglich. Und dann – die Tamponade. Ich hatte mich darauf vorbereitet, aber nichts hätte mich auf das Gefühl vorbereiten können, das mich dann überrollte. Es war, als würde eine endlose, feuchte, zusammengepresste Liane aus mir herausgezogen. Zentimeter um Zentimeter. Langsam, schleifend. Ich hielt die Luft an, klammerte mich ans Bettgestell, spürte, wie mein ganzer Körper sich spannte. Die Ärztin wirkte dabei wie jemand, der an einem Seil zieht, das irgendwo tief verankert ist. Sie zog – und zog – und ich wusste nicht, wann es endlich aufhört. Mein Körper zog sich bei jedem Ruck ein bisschen weiter zurück, bis ich das Gefühl hatte, selbst nur noch aus Schmerz zu bestehen. Ich war wütend auf meinen Körper, auf die Tamponade, auf die ganze Welt, dass dieser Moment nötig war. Aber ich ließ es zu. Ich hatte keine Wahl. Ich war längst darüber hinaus, mich zu schämen.
Als es endlich vorbei war, lag ich still da. Zitternd. Leer.
Aber gleichzeitig: befreit.

Später am Vormittag kam sie – die Seelsorgerin. Die Frau mit den klaren, sanften Augen. Mit der warmen, ruhigen Stimme. Die, die mich schon bei der Aufnahme gesehen hatte, ganz ohne viele Worte, aber mit einem Blick, der sofort verstand.

Sie setzte sich zu uns ans Bett, ohne sich aufzudrängen. Fragte behutsam, ob ich mein Baby sehen wolle. Ob ich ihm einen Namen geben möchte. Ob ich das Geschlecht wissen will. Fragen, die wie Brücken waren – zwischen all dem, was war, und dem, was jetzt bleibt.

Wir hatten das Geschlecht eigentlich schon beim Pränataltest mitbestimmen lassen. Damals, ganz am Anfang, als wir uns noch über winzige Socken unterhielten, über Namen und Farben, über Babyshowers und Überraschungskuchen. Eine Woche vor dem Termin hatten wir uns sogar gestritten – richtig gestritten. Ich wollte eine kleine Babyparty, ein bisschen Rosa oder Hellblau, vielleicht einen Ballon mit Konfetti. Er fand es albern. Wollte es lieber schlicht. Und heute? Heute kam mir das so weit weg vor, fast kindlich. So… lächerlich.
Denn irgendwann war es nicht mehr wichtig, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.
Es ging plötzlich nicht mehr um Farben oder Kuchen – sondern nur noch darum, ob unser Kind gesund war oder krank und ob es leben durfte.

Aber jetzt – in diesem Raum voller Stille – entschieden wir, dass wir es verabschieden möchten. Dass wir es anerkennen möchten. Dass es einen Platz bekommt. Nicht nur im Bauch, sondern im Herzen.
Und wir haben uns das Geschlecht sagen lassen. Mein Gefühl war richtig: Es war ein Junge.
Ich weinte. Nicht vor Schock, nicht vor Schmerz – sondern, weil ich es längst wusste. Ich hatte es die ganze Zeit gefühlt. Ich hatte ihn gespürt. Und jetzt war er da. Friedlich. Still. Vollkommen.

Und dann war es soweit:
Er lag in einem kleinen, weißen Körbchen. Eingehüllt in eine himmelblaue Decke. Liebevoll gebettet, fast zart geschmückt. Neben ihm kleine Begleiter – ein Stofftier, ein Kärtchen, ein Licht.

Und obwohl ich ihn nicht lebend im Arm halten konnte, wusste ich in diesem Moment: Ich bin seine Mutter. Und er ist mein Sohn.

Ich hatte über seinen Namen nachgedacht.
Und in mir war er längst geboren worden: Sora.
Himmel – auf Japanisch.
Da, wo er jetzt ist.
Da, wo er frei ist.
Da, wo ich ihn spüre, wenn der Himmel über mir weit und klar ist.
Da, wo er wartet, ohne Zeit. Ohne Schmerz.
Da, wo ich ihm irgendwann wieder begegnen werde.
Ich werde ihn nie vergessen.
Nicht heute. Nicht morgen.
Nie.

Und heute, als ich die Geschichte schrieb, da war mir nach weinen zumute.
Die Tränen flossen. Und das ist okay.
Doch ich will dir sagen: Ich bin wieder aufgestanden.
Ich bin wieder zurück im Alltag. Und ich bin stärker denn je.
Und wenn du gerade noch am Boden bist – da war ich auch.
Dein Leben ist nicht vorbei. Leb es weiter für dein Baby.
Lächle, denn es hätte dein Lächeln geliebt.
Verschwende deine Tage nicht mit Trauer allein,
sie darf Raum haben, aber lass dich nicht von den Traumata deines Lebens definieren.
Du bist so viel mehr, du hast so viel mehr. Auch wenn du gerade etwas großes verloren hast.
Und du wirst wieder aufstehen. Stark sein. Genau wie ich.

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