Was mit uns passiert wäre – den Unfruchtbaren, den Hoffnungsvollen, den Kämpfenden
Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wohl ausgesehen hätte in einer anderen Zeit.
In einem anderen Jahrhundert.
Ohne Hormone. Ohne Heparin. Ohne Immunglobuline, Kliniktermine oder Kinderwunschforen.
Was wäre aus mir geworden, wenn ich im Mittelalter gelebt hätte?
Was wäre ich „wert“, wenn ich nicht im Stande bin, die eine Aufgabe zu vollbringen, die uns Frauen die Biologie auferlegt hat.
Kinder gebären.
Ich weiß es nicht genau. Aber ich fürchte: Es wäre kein gutes Ende gewesen.
Denn Frauen wie ich, deren Körper das Leben nicht halten kann – wir galten als defekt.
Verflucht vielleicht.
Unvollständig.
Als Last.
Nicht selten sogar als Hexen.
Es gab keine Diagnostik, keine Therapien. Kein Arzt, der mir sagte:
„Du hast eine Gerinnungsstörung. Deine Killerzellen sind zu aktiv. Deine Gebärmutter ist anders geformt.“
Stattdessen hätte es geheißen: „Du bist unfruchtbar. Nichts wert.“
Und das allein wäre Grund genug gewesen, mich zu meiden, zu verdächtigen oder wegzugeben. Und vielleicht sogar zu verbrennen oder anderweitig zu töten.
Mein Wert hätte sich am Kind bemessen.
Nicht an meiner Stimme.
Nicht an meinem Mut.
Ich hätte vielleicht Kräuter gesammelt, gehofft, gebetet – und irgendwann vielleicht aufgegeben.
Denn es gab keine Kinderwunschzentren. Keine Aufklärung.
Keine Instagram-Accounts, die zeigen: Du bist nicht allein.
Und trotzdem: Ich glaube, ich hätte auch damals geschrieben.
Als kleine Kräuterhexe.
Vielleicht heimlich. Auf Pergament.
Vielleicht nur für mich.
Vielleicht als Zauber.
Vielleicht als Flüstern an den Wind.
Denn eins hat sich nie verändert – über alle Jahrhunderte hinweg:
Die Sehnsucht nach Leben.
Nach einem Herz unter dem eigenen.
Nach einem „Mama“ aus dem Mund eines Kindes.
Aber heute lebe ich nicht im Mittelalter.
Ich lebe jetzt – in einer Welt, die noch immer nicht perfekt ist.
In der Kinderwunsch ein Tabu bleibt, und Fehlgeburten oft verschwiegen werden.
Aber in der ich laut sein darf.
In der ich kämpfen kann.
In der ich Medizin habe. Und Mitstreiterinnen. Und Hoffnung.
Für alle Frauen wie mich, damals wie heute:
Wir tragen das Feuer weiter.
Auch wenn wir kein Kind im Arm halten.
Unser Wert ist nicht an eine Geburt gebunden.
Sondern an das, was wir trotz allem nicht verlieren:
Unsere Liebe. Unsere Stärke. Und unsere Stimme.

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